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BĂŒrgergesellschaft
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Unter BĂŒrgergesellschaft oder Zivilgesellschaft wird in den westlichen Demokratien eine Gesellschaftsform verstanden, welche durch die aktive Partizipation ihrer Mitglieder am öffentlichen Leben gestaltet und weiterentwickelt wird. Getragen wird die BĂŒrgergesellschaft durch das Engagement ihrer Akteure, der BĂŒrger.
Historisch hat sich die BĂŒrgergesellschaft mit Ăberwindung des Absolutismus als eines politischen Systems ohne gesellschaftliche Mitwirkungsrechte entwickelt. Zentrale Forderung des Verfassungsliberalismus und der Idee der Menschenrechte war die vor staatlicher Einmischung geschĂŒtzte individuelle Handlungsfreiheit in einer vom Staat unabhĂ€ngigen Gesellschaft.cite-ref-1[1]
Sozialwissenschaftliche Konzepte des ausgehenden 20. Jahrhunderts fordern die permanente Mitsprache einer kritischen Ăffentlichkeit bei politischen Entscheidungen (deliberative oder partizipatorische Demokratie).
Contents
âą Begriff
⹠AusprÀgung
âą Akteure
âą Handlungsfelder
âą Handlungsformen
âą Kritik
âą Osteuropa
âą Dritte Welt
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Begriff
Begriffsgeschichte
Der Begriff der BĂŒrgergesellschaft oder Zivilgesellschaft hĂ€ngt in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion eng zusammen mit dem Begriff der bĂŒrgerlichen Gesellschaft. Er knĂŒpft an den Begriff der politikĂ© akoionia (Polis) aus der politischen Philosophie des Aristoteles an, spĂ€ter ĂŒbersetzt ins Lateinische als societas civiliscite-ref-2[2] sowie sociĂ©tĂ© civile (frz.) und civil society (engl.).
Die Wiederentdeckung der civil society in den englischsprachigen Sozialwissenschaften ab Ende der 1980er Jahre ging im Deutschen mit der Erfindung des Wortes Zivilgesellschaft einerseits und der Umdeutung des Begriffs BĂŒrgergesellschaft andererseits einher. Davor wurde der Begriff nur sehr selten und i. d. R. gleichbedeutend mit Verein gebraucht. 1987 verwendete Michael Reiman den Begriff BĂŒrgergesellschaft, um das u. a. von Michail Sergejewitsch Gorbatschow im Russischen gebrauchte grazhdanskoye obshchestvo (ĐłŃĐ°Đ¶ĐŽĐ°ĐœŃĐșĐŸĐ” ĐŸĐ±ŃĐ”ŃŃĐČĐŸ) ins Deutsche zu ĂŒbersetzen. Ab 1992 verwendete Ralf Dahrendorf BĂŒrgergesellschaft, um das englische civil society in seinen eigenen Schriften zu ĂŒbersetzen.cite-ref-3[3]
PrĂ€gend fĂŒr das heutige BegriffsverstĂ€ndnis ist vor allem die Vorstellung der englischen civil society, die seit der AufklĂ€rung einen fortschreitenden Prozess der Zivilisierung durch Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung, durch Bildung und Kultur sowie die Ăberwindung althergebrachter BeschrĂ€nkungen durch Status und Geburt umfasst, sowie die Ăberzeugung von der zivilisierenden Wirkung der freiwilligen ZusammenschlĂŒsse in Vereinigungen.cite-ref-4[4]
Rezeption in der politischen Theorie
In seinem 1768 veröffentlichten Versuch ĂŒber die Geschichte der bĂŒrgerlichen Gesellschaftcite-ref-5[5] erörtert Adam Ferguson das VerhĂ€ltnis von individueller Tugendhaftigkeit innerhalb und der Gesamtentwicklung der betroffenen Gesellschaft. Ferguson kommt zu dem Schluss, dass Tugendhaftigkeit Voraussetzungen hat, die durch die Ergebnisse der Tugendhaftigkeit nicht automatisch in ihrem Bestand gesichert sind oder sogar gefĂ€hrdet werden können.
Im Deutschen taucht in Anlehnung an Ferguson zunĂ€chst die Ăbersetzung als bĂŒrgerliche Gesellschaft bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen âGrundlinien der Philosophie des Rechtsâ von 1821 auf.cite-ref-zaleski-6-0[6] Hegel beschreibt mit dem Begriff der bĂŒrgerlichen Gesellschaft in seinem System der Dialektik die Wechselwirkung zwischen der PrivatsphĂ€re einerseits, welche fĂŒr Hegel durch die Familie verkörpert wird, und der Gesamtgesellschaft andererseits, welche durch den Staat verkörpert wird. Hegel beschreibt wie Ferguson keine originĂ€r politische, sondern eine sittliche Kategorie.
Im kommunistischen Manifest von 1848 beschreiben Friedrich Engels und Karl Marx die BĂŒrgerliche Gesellschaft nicht als sittliche, sondern als ökonomische Kategorie. FĂŒr Engels und Marx ist die bĂŒrgerliche Gesellschaft durch Produktionsbedingungen gekennzeichnet, welche durch eine strikte Trennung von Kapital und Arbeit bestimmt werden. Die bĂŒrgerliche Gesellschaft gilt bei Engels und Marx zwar als Fortschritt gegenĂŒber dem Feudalismus, gleichzeitig aber auch nur als zu ĂŒberwindendes historisches Ăbergangsstadium zum Sozialismus und schlieĂlich zum Kommunismus.
In der Gettysburg Address von 1863 beschrieb der damalige PrĂ€sident der Vereinigten Staaten Abraham Lincoln die ideale amerikanische Demokratie als âgovernment of the people, by the people, for the peopleâ.
Willy Brandt wollte nach seiner Wahl zum deutschen Bundeskanzler im Jahr 1969 âmehr Demokratie wagenâcite-ref-7[7] im Sinne einer âDemokratisierung der Demokratieâ.
Abgrenzung zur Zivilgesellschaft
Soweit der Begriff der BĂŒrgergesellschaft nicht als Synonym zur Zivilgesellschaft gilt, wird auf die Entstehung und unterschiedliche Funktion des Begriffs Zivilgesellschaft verwiesen. Eine klare definitorische Unterscheidung existiert jedoch nicht.
In Westeuropa vermittelt sich die Zivilgesellschaft ĂŒber ein Kollektivbewusstsein, das der Gesellschaft den Zusammenhalt ermöglicht und Verunsicherungen, die mit dem Prozess eines ideologischen Ăkonomismus, dem Abbau des Sozialstaats und der Globalisierung einhergehen,cite-ref-8[8] durch Selbstorganisation, Freiwilligkeit, Eigenverantwortung, Vertrauen und solidarische UnterstĂŒtzung,cite-ref-9[9] aber auch Traditionsbewusstsein und NationalgefĂŒhl abfedern kann.cite-ref-egora-uni-muenster-de-10-0[10]
Kreise, die eine nichtstaatliche Ordnung bereits etabliert haben oder nach dem Konzept des schlanken Staates befĂŒrworten, bevorzugen den Begriff der BĂŒrgergesellschaft. Dies betrifft sowohl den Bereich der Kirchen als auch liberale und konservative Parteien.cite-ref-11[11] Mit der Verwendung des Begriffs der BĂŒrgergesellschaft wird der historische Bezug zur bĂŒrgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht und die Entwicklung zu einer sich selbst steuernden Gesellschaft, in die der Staat nicht oder jedenfalls nur bei erkennbaren Defiziten der Selbstorganisation eingreifen soll.
Teilweise wird der Zivilgesellschaft eine bloĂ subsidiĂ€re Funktion zugewiesen. Nach diesem VerstĂ€ndnis ĂŒbernimmt die Zivilgesellschaft Aufgaben, welche durch staatliche Institutionen nicht oder nicht hinreichend erfĂŒllt werden. Die BĂŒrgergesellschaft hingegen erhebt den Anspruch, selbst einen eigenen Ordnungsrahmen darzustellen. Nach diesem VerstĂ€ndnis beinhaltet der Begriff der BĂŒrgergesellschaft den Begriff der Zivilgesellschaft, geht aber ĂŒber diesen hinaus. Ziel der BĂŒrgergesellschaft ist somit nicht nur das Nutzen von staatlichen FreirĂ€umen und die ErfĂŒllung gemeinnĂŒtziger Aufgaben, sondern darĂŒber hinaus auch die Gestaltung des politischen Ordnungsrahmens.
Wo soziale Bewegungen gegen kapitalistisches MarktkalkĂŒl und autoritĂ€re HerrschaftsansprĂŒche betont werden sollen wie in der osteuropĂ€ischen Dissidentenbewegung oder Bestrebungen gegen die MilitĂ€rdiktaturen in Lateinamerika, Afrika und Asien, wird heute meist der Begriff der Zivilgesellschaft verwendet. Viele Nichtregierungsorganisationen bevorzugen den Begriff der Zivilgesellschaft und fordern damit einhergehend entweder eine staatliche Ăbernahme der von ihnen bisher erfĂŒllten Aufgaben oder zumindest eine aktive staatliche UnterstĂŒtzung fĂŒr ihre zivilgesellschaftliche AufgabenerfĂŒllung.cite-ref-12[12]
Mitunter wird der Begriff der BĂŒrgergesellschaft auch als Zusammenfassung ehrenamtlichen Engagements verwendet.
Bedeutung im 21. Jahrhundert
Die Globalisierung, die Auswirkungen der digitalen Revolution auf den Arbeitsmarktcite-ref-13[13] und die Wissensgesellschaft werden als wesentliche Aspekte einer gesellschaftlichen Entwicklung verstanden, die dem einzelnen eine zunehmende Individualisierung sowohl ermöglicht als auch abverlangt. Die BĂŒrgergesellschaft beschreibt danach das VerhĂ€ltnis von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und dem einzelnen BĂŒrger unter diesen sich wandelnden Bedingungen.cite-ref-14[14]
Mit einer Betonung nationalstaatlicher AuĂen- und Sicherheitspolitik in der Berliner Republik geht eine zunehmende Angleichung der Lebensgewohnheiten in StĂ€dten und lĂ€ndlichen Regionen (funktionale VerstĂ€dterung) einher. Bundesweit ist die Motivation in der Bevölkerung gestiegen, auf regionaler und lokaler Ebene politische Entscheidungen mitzubestimmen. Folge ist eine âneue SubsidiaritĂ€tsordnungâ, in der die BĂŒrger zunehmend âfĂŒr sich selbst sorgenâ.cite-ref-15[15] Das schlieĂt auch das Verhalten auf dem Arbeitsmarkt ein, der mit der Agenda 2010 das Leitbild des âUnternehmers in eigener Sacheâ (Ich-AG) hervorgebracht hat. Der computergestĂŒtzte Zugang zu umfassenden Informationen im Internet und deren Organisation, etwa in Open-Source-Projekten stellt die Legitimation der auf Herrschaftswissen basierenden reprĂ€sentativen Demokratie in Frage.
AusprÀgung
Akteure
Die BĂŒrgergesellschaft ist heterogen strukturiert und besteht aus einer Vielzahl auf freiwilliger Basis gegrĂŒndeter, auch konkurrierender Organisationen â im Einzelfall auch einzelnen BĂŒrgern â die ihre unterschiedlichen Interessen artikulieren und autonom organisieren. Sie ist im Zwischenbereich von PrivatsphĂ€re und Staat angesiedelt. Die Akteure der Zivilgesellschaft sind damit zwar in die Politik involviert, ohne jedoch nach staatlichen Ămtern zu streben. Entsprechend sind Gruppen, die ausschlieĂlich private Ziele verfolgen wie Familien oder Unternehmer ebenso wenig Teil der BĂŒrgergesellschaft wie politische Parteien, Parlamente oder staatliche Verwaltungen. Die BĂŒrgergesellschaft stellt ein pluralistisches Sammelbecken höchst unterschiedlicher Akteure wie den neuen sozialen Bewegungen einschlieĂlich der Kirchencite-ref-16[16] dar, die jedoch einen bestimmten methodischen Minimalkonsens teilen, insbesondere die Gewaltlosigkeit.cite-ref-17[17]
Ralf Dahrendorf beschrieb die BĂŒrgergesellschaft als das âschöpferische Chaos der vielen, vor dem Zugriff des (Zentral-)Staates geschĂŒtzten Organisationen und Institutionenâ.cite-ref-18[18] Die Bedeutung der BĂŒrgergesellschaft liege in der Steigerung der Lebenschancen der Menschen, indem sie die LĂŒcke zwischen staatlichen Organisationen und den Individuen schlieĂe und dem Zusammenleben der Menschen Sinn gebe. WĂ€hrend der Markt die Angebotsseite steuere und der Rechtsstaat die Zugangschancen garantiere, sei es Aufgabe der BĂŒrgergesellschaft, die Menschen in die Lage zu versetzen, zwischen den sich ihnen bietenden Optionen eine Auswahl zu treffen (Multi-Optionsgesellschaft).cite-ref-19[19]
Die BĂŒrgergesellschaft ist somit eine politische Ordnung, in welcher Demokratie ausgehend von der Eigeninitiative der BĂŒrger wahrgenommen wird. Dieser Ansatz soll demokratische Beteiligung gerade auch ĂŒber die Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen hinaus ermöglichen. In der BĂŒrgergesellschaft stehen Gruppierungen im Vordergrund, die sich nicht auf aktuelle caritative und wohltĂ€tige Aufgaben beschrĂ€nken, sondern darĂŒber hinaus den Anspruch erheben, auf die gesellschaftliche Entwicklung gestalterisch Einfluss zu nehmen.
Wesentliche Bedingung fĂŒr die BĂŒrgergesellschaft ist das Primat der Politik, um eine Wechselwirkung zwischen BĂŒrgern und Staat zu gewĂ€hrleisten.cite-ref-20[20] Ein Beispiel ist die gesetzliche Verankerung neuer Partizipationsformen wie die der Volksentscheide in den BundeslĂ€ndern und Gemeinden.
Handlungsfelder
Rund 90 % der dem Begriff Zivilgesellschaft zugeordneten TÀtigkeiten entfallen auf die Bereiche Gesundheits-, VeterinÀr- und Sozialwesen, Erziehung und Unterricht, Kultur, Sport und Unterhaltung sowie Interessenvertretungen, kirchliche und sonstige Vereinigungen.cite-ref-21[21] Zu den historisch bedeutsamsten Handlungsfeldern gehören die Umweltbewegung, die Arbeiter- und Frauenbewegung sowie die Bewegung gegen die militÀrische und die zivile Nutzung der Kernenergie (Kampf dem Atomtod, Anti-Atomkraft-Bewegung).cite-ref-22[22]
Handlungsformen
Die BĂŒrgergesellschaft bedient sich der Instrumente der direkten Demokratie und der BĂŒrgerbeteiligung. Organisationsformen sind z. B. BĂŒrgerinitiativen, Nachbarschaftsinitiativen oder sog. ZukunftswerkstĂ€tten. Ausdrucksformen sind Demonstrationen, Petitionen, BĂŒrgerbegehren und Verbandsklagen, die formelle Beteiligung in der Bauleitplanung und an Planfeststellungsverfahren, aber auch ArbeitskĂ€mpfe, Tauschkreise, Selbsthilfegruppen oder das Vereins- und Stiftungswesen bis hin zum Whistleblowing. Insofern ist die BĂŒrgergesellschaft auch Ausdruck eines gewachsenen politischen Selbstbewusstseins und Antwort auf ein wahrgenommenes Demokratiedefizit in der Postdemokratie.
Die Meinungsbildung gegenĂŒber Parteien und Parlamenten vollzieht sich zunehmend in sozialen Netzwerken, insbesondere im Internet.
Rolle des Staates
Unter den Stichworten âmotivierender Staatâ, âmoderierender Staatâ und âaktivierender Staatâ (enabling state)cite-ref-23[23] wird dem Staat die Rolle eines Ausgleichs zwischen seiner eigenen hierarchischen Steuerung, marktlichem Wettbewerb und gesellschaftlicher Selbstverantwortung zugedacht.cite-ref-24[24] Da privatwirtschaftliche Marktmechanismen allein die dadurch hervorgerufenen Probleme wie Massenerwerbslosigkeit, Armut und soziale Ungleichheit vernachlĂ€ssigen, soll der Staat einerseits gewisse soziale Standards gewĂ€hrleisten, andererseits aber auch fĂŒr die ErschlieĂung neuer MĂ€rkte sorgen.
Mit dem VerhÀltnis von staatlicher Regulierung, ökonomischem Wettbewerb und gesellschaftlicher Teilhabe sowie dessen Auswirkungen beschÀftigt sich die Governance-Diskussion.cite-ref-25[25]
In ihrem Bericht aus dem Jahr 2002 hat die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages rechtspolitische Handlungsempfehlungen zur Zukunft des bĂŒrgerschaftlichen Engagements entwickelt, die staatliche Institutionen (Verwaltungsreform) und die Wirtschaft (Corporate Citizenship) mit einbeziehen.cite-ref-26[26]
Theoretisch wird die Mehrebenendemokratie in der EuropĂ€ischen Union, die aus der europĂ€ischen Administration und den Mitgliedsstaaten besteht, zu einem Staatsmodell fĂŒr die BĂŒrgergesellschaft weiterentwickelt.cite-ref-27[27] Der ĂŒberkommene Nationalstaat auf mittlerer Ebene soll den Vollzug der auf der obersten Ebene durch einen europĂ€ischen Verfassungsstaat getroffenen Entscheidungen gewĂ€hrleisten, indem er die âkleine Lebens- und Verantwortungspolitikâ auf der untersten Ebene, in der BĂŒrgergesellschaft, vernetzt und moderiert.cite-ref-28[28] Wesentliche Kennzeichen dieser Ordnung sind Föderalismus, SubsidiaritĂ€t und der Wettbewerb um Lösungen. Der Staat wird dabei als âneutralâ gedacht, der gesellschaftliche Zusammenhalt werde durch das Bewusstsein einer umfassenden wechselseitigen AbhĂ€ngigkeit und gemeinsamer Herausforderungen, die nur kooperativ bewĂ€ltigt werden könnten (self-reliance), gewahrt.
Nach der marxistischen Theorie Antonio Gramscis stehen sich Staat (âsocietĂ politicaâ) und BĂŒrgergesellschaft (âsocietĂ civileâ) nicht als zwei verschiedene GröĂen gegenĂŒber, sondern greifen ineinander. Der Staat bediene sich der BĂŒrgergesellschaft zum eigenen Machterhalt, indem er in den Institutionen der BĂŒrgergesellschaft wie Schulen, UniversitĂ€ten, Kirchen, Vereinen, Gewerkschaften und Massenmedien Zustimmung (âKonsensâ) zum staatlichen Zwangsapparat organisiere. Durch Hegemonie und Konsens bilde sich eine wirkliche und dauerhafte Einheit von Basis und Ăberbau, entstehe ein âintegraler Staatâ.cite-ref-29[29]cite-ref-30[30]
Der bĂŒrgerliche Rechtsstaat hat indessen gerade die historische Funktion, Gleichheit und Autonomie als Voraussetzung einer wirksamen Zivilgesellschaft zu gewĂ€hrleistencite-ref-31[31] und steht mit der BĂŒrgergesellschaft âin einer lebendigen Wechselwirkungâ.cite-ref-32[32]
Kritik
Theoretisch wird die Konzeption der BĂŒrgergesellschaft, in der es nur schlichte âBĂŒrgerâ gibt, angezweifelt. Der Begriff âBĂŒrgergesellschaftâ verschleiere die realen gesellschaftlichen InteressengegensĂ€tze und konstatiere einen fiktiven VolontĂ© gĂ©nĂ©rale. In der Gestalt des âBĂŒrgersâ scheine der Gegensatz von âBourgeoisâ und âCitoyenâ, der die politischen Prozesse in der liberalen Demokratie entscheidend geprĂ€gt und maĂgebend ihre Krisenhaftigkeit bestimmt habe, aufgehoben.cite-ref-33[33]
TatsĂ€chlich verberge sich hinter der staatlichen Forderung nach ehrenamtlichem Engagement und âZivilcourageâ ein Paternalismus alter PrĂ€gung, der sich als unpolitisch ausgebe und im Konzept der BĂŒrgergesellschaft sowohl das Bestreben nach politischer Partizipation und Demokratisierung unterschlage als auch durch subtile Steuerungsmechanismen (Nudging) eine tatsĂ€chlich nicht gegebene Freiwilligkeit vortĂ€usche.cite-ref-34[34]
Ebenso werde die Steuerungsmacht der kapitalistischen Ăkonomie ausgeblendet, wenn man das Konzept der BĂŒrgergesellschaft auf eine rein soziale Dimension reduziere. Die BĂŒrgergesellschaft bleibe ohne Betrachtung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unvollstĂ€ndig,cite-ref-35[35]cite-ref-36[36] zumal etwa die Bewegung gegen Sozialabbau in Deutschland eine unmittelbare Reaktion auf die wirtschaftspolitische Agenda 2010 darstellt. Politik und Wirtschaft rĂ€umten der globalen WettbewerbsfĂ€higkeit oberste PrioritĂ€t ein und zerstörten damit die moralische LegitimitĂ€t der sozialen Ordnung.cite-ref-37[37]
Aufgaben, die der Staat im Interesse der Haushaltskonsolidierung nicht mehr wahrnehmen wolle, wĂŒrden an die BĂŒrgergesellschaft als Reparaturbetrieb delegiert.cite-ref-38[38] Gerade dort, wo soziales Engagement am dringendsten nötig wĂ€re, sei es jedoch am wenigsten vorzufinden. WĂ€hrend in bevorzugten Wohngebieten regelmĂ€Ăig auch das gesellschaftliche Leben und die VereinstĂ€tigkeit sehr stark ausgeprĂ€gt sind, findet in benachteiligten Wohngebieten sowohl die karitativ-gemeinnĂŒtzige AufgabenerfĂŒllung als auch die Einbindung der Bevölkerung in gesamtgesellschaftliche ZusammenhĂ€nge nur unzureichend statt. Die Worte des amerikanischen PrĂ€sidenten John F. Kennedy aus seiner Amtsantrittsrede im Jahr 1961 Frage nicht, was Dein Land fĂŒr Dich tun kann, frage lieber, was Du fĂŒr Dein Land tun kannst werden als Absage an das im Grundgesetz verankerte Sozialstaatsprinzip verstanden.cite-ref-39[39]cite-ref-40[40]
SchlieĂlich wird in einer zu groĂen Einflussnahme von einzelnen Gruppen auf die politische Ordnung in Gestalt des Lobbyismus und Exklusionsmechanismen wie des historisch bedingt ungleichen Zugangs zu diesen Gruppen, insbesondere nur fĂŒr MĂ€nnercite-ref-41[41]cite-ref-42[42] eine GefĂ€hrdung demokratischer Grundprinzipien erkannt, wonach die Gleichheit aller BĂŒrger gerade durch das allgemeine Wahlrecht sichergestellt wird.
Eine glaubwĂŒrdige Dezentralisierung politischer Entscheidungen und Anpassung an regionale bzw. lokale Traditionen und Ressourcen werden gegenĂŒber einer schwerfĂ€lligen Bundespolitik und im Hinblick auf ein bĂŒrgernahes Europa dagegen als politischer Steuerungsgewinn betrachtet.cite-ref-43[43]
Bedeutung auĂerhalb Westeuropas
Osteuropa
Die Entwicklung und Verbreitung des Begriffes der Zivilgesellschaft ist in Mittel- und Osteuropa stark mit dem Zerfall des Kommunismus verbunden. Es waren zunĂ€chst die BĂŒrgerrechtsbewegungen in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Bulgarien, die die Möglichkeiten zur Schaffung und Ausweitung der gesellschaftlichen SphĂ€re in auĂerstaatlichen Organisationen und Vereinigungen im Kampf gegen die starre ParteibĂŒrokratie, sowie die Zielvorstellung einer gesellschaftlichen Transformation (Perestroika) mit dem Begriff der zivilen Gesellschaft bezeichneten.cite-ref-egora-uni-muenster-de-10-1[10]cite-ref-44[44]
Dritte Welt
Die Transitionsprozesse beispielsweise in der arabischen Welt (Arabischer FrĂŒhling) zielen zwar auf die Entwicklung demokratischer Strukturen wie Mehr-Parteien-Systeme, BĂŒrgerrechte und Rechtsstaatlichkeit ab, folgen jedoch angesichts kultureller, religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Besonderheiten (Rentierstaaten) eigenen Regeln und können nicht mit der AusprĂ€gung einer Zivilgesellschaft nach westlichem VerstĂ€ndnis gleichgesetzt werden.cite-ref-45[45]cite-ref-46[46]cite-ref-47[47]
Literatur
âą Bert van den Brink, Willem van Reijen (Hrsg.): BĂŒrgergesellschaft, Recht und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.
âą Daniel Dettling: Das Kapital der BĂŒrgergesellschaft. Impulse fĂŒr den 3. Sektor von morgen. Norderstedt 2002.
âą Francis Fukuyama: The Great Disruption: Human Nature and the Reconstitution of Social Order. The Free Press, New York 1999.
âą Andreas Khol: Durchbruch zur BĂŒrgergesellschaft. Ein Manifest. Molden Verlag, Wien 1999, ISBN 978-3-85485-022-9.
âą Robert D. Putnam: Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. Simon & Schuster, New York 2000.
âą Bernd Wagner: FĂŒrstenhof und BĂŒrgergesellschaft. Zur Entstehung, Entwicklung und Legitimation von Kulturpolitik (= Edition Umbruch. Band 24), Kulturpolitische Gesellschaft Bonn e. V., Klartext, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0224-4.
âą Friedrich FĂŒrstenberg: Die BĂŒrgergesellschaft im Strukturwandel. Problemfelder und Entwicklungschancen. LIT, MĂŒnster 2011.
⹠Erdmann Gormsen, Andreas Thimm (Hrsg.): Zivilgesellschaft und Staat in der Dritten Welt. Veröffentlichungen des InterdisziplinÀren Arbeitskreises Dritte Welt Bd. 6, 1992, ISBN 3-927581-04-6.
Weblinks
Wiktionary: BĂŒrgergesellschaft
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą BĂŒrgergesellschaft / Stiftungen. In: Bundeszentrale fĂŒr Politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. B 14. Bonn 29. MĂ€rz 2004 (bpb.de).
âą Holger Backhaus-Maul, Stefan NĂ€hrlich, Rudolf Speth: Denkschrift BĂŒrgergesellschaft (PDF; 288 kB), 2. ĂŒberarbeitete Auflage, Berlin 2012.
âą Von der BĂŒrgerlichkeit zur ZivilitĂ€t Doppeljahrbuch 2011â2013 der Patriotischen Gesellschaft von 1765, S. 1â54
âą civil-society-network Wissenschaftliches Forum der UniversitĂ€t MĂŒnster mit annotierter Bibliographie zum Dritten Sektor in Deutschland
âą Wegweiser BĂŒrgergesellschaft Nachschlagewerk der Stiftung Mitarbeit
âą Zivilgesellschaftliche Organisation. In: EUR-Lex. Glossar
âą Annette Angermann, Birgit Sittermann: BĂŒrgerschaftliches Engagement in Europa â Ăberblickspapier zur EuropĂ€ischen Union Arbeitspapier Nr. 2 der Beobachtungsstelle fĂŒr gesellschaftspolitische Entwicklungen in Europa, Juli 2010
⹠Staat und zivile Gesellschaft. BeitrÀge zur Entwicklungspolitik in Afrika, Asien und Lateinamerika BeitrÀge zur historischen Sozialkunde, Beiheft 8, Wien 1996
âą Saskia Richter: Zivilgesellschaft â Ăberlegungen zu einem interdisziplinĂ€ren Konzept, Version: 1.0, in: Docupedia Zeitgeschichte, 8. MĂ€rz 2016
Einzelnachweise
cite-note-11. â BĂŒrgergesellschaft, Zivilgesellschaft Lexikon des Landesnetzwerks BĂŒrgerschaftliches Engagement Bayern (LBE), abgerufen am 26. Juli 2016
cite-note-22. â Eva Kreisky: Begriff: Zivilgesellschaft (Memento vom 2. August 2016 im Internet Archive) 2005
cite-note-33. â Daniel Kremers, Shunsuke Izuta: Bedeutungswandel der Zivilgesellschaft oder das Elend der Ideengeschichte: Eine kommentierte Ăbersetzung von Hirata Kiyoakis Aufsatz zum Begriff shimin shakai bei Antonio Gramsci (Teil 1). In: Asiatische Studien â Etudes Asiatiques. Band 71, Nr. 2. De Gruyter, Boston, Berlin 2017, S. 717, doi:10.1515/asia-2017-0044 (degruyter.com).
cite-note-44. â Dieter Gosewinkel: Zivilgesellschaft EuropĂ€ische Geschichte Online, 3. Dezember 2010
cite-note-55. â Digitalisat in der Google-Buchsuche
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